Nikolai Frederik Severin Grundtvig ËgÊondviËÊ (* 8. September 1783 in Udby (Seeland); â 2. September 1872 in Kopenhagen), bekannter als N.F.S. Grundtvig, war ein dĂ€nischer Schriftsteller, Dichter, Philosoph, Historiker, Pfarrer, PĂ€dagoge und Politiker.
N.F.S. Grundtvig ist eine der bedeutendsten Personen in der Geschichte DĂ€nemarks. Er war stark beeinflusst von Johann Gottfried von Herder. Grundtvig ist BegrĂŒnder der Volkshochschulbewegung. Seine AnhĂ€nger nennen sich Grundtvigianer. Der Grundtvigianismus ist als kirchliche Reformbewegung wesentlicher Bestandteil der dĂ€nischen Kirchengeschichte. Grundtvigs Dichtung prĂ€gte das SelbstverstĂ€ndnis der DĂ€nen.
1861 wurde er in Anerkenntnis seines Lebenswerkes von König Frederik VII. zum Bischof von Seeland ernannt. Er war damit nominell Primas der dÀnischen Kirche. Leben und Werk von N.F.S Grundtvig finden in DÀnemark bis heute Beachtung.
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Bearbeiten Leben
Als Sohn des Pfarrers Johan Grundtvig wurde Nikolai Frederik Severin am 8. September 1783 in Udby auf der Insel Seeland in DÀnemark geboren. Ab 1800 besuchte er die Aarhus Katedralskole. Er lernte dort Latein und bezeichnete diese Zeit spÀter als eine Phase, in der er sich in eine kalte und altkluge Person verwandelt habe.
1803 wurde er Kandidat der Theologie an der UniversitĂ€t Kopenhagen. Danach kehrte er nach Udby zurĂŒck. 1805â1807 war er Privatlehrer auf dem Landgut Egelykke auf der Insel Langeland. Dort verliebte er sich unglĂŒcklich in die Frau des Hauses, Constance Leth. In seiner Biografie wird das als eine Modeerscheinung der damaligen Zeit geschildert, als sich alle jungen MĂ€nner unglĂŒcklich verlieben mussten â ganz nach dem Vorbild der Leiden des jungen Werther von Johann Wolfgang von Goethe, was seinerzeit sehr prĂ€genden Einfluss auf die Jugend hatte. Danach war er bis 1811 Geschichtslehrer am Scousboeske Institut.
Bei der Predigt anlĂ€sslich seiner Ordination 1810, welche fĂŒr die folgende Zeit mustergĂŒltig werden sollte, eifert er gegen seine rationalistischen Kollegen, die seiner Meinung nach das Wort Gottes nicht richtig verkĂŒndeten. Im selben Jahr durchlebte er eine, sein ganzes weiteres Leben prĂ€gende, gesundheitliche und mentale Krise.
Er arbeitete in Udby von 1811â1813 als Vikar und half seinem Vater, der 1813 verstarb. Vergeblich bewarb er sich um dessen Nachfolge als Pfarrer und ging so nach Kopenhagen. Dort schlug er zunĂ€chst die Laufbahn des Dichters ein. 1816â1819 erschien seine Monatszeitschrift Danne-Virke, die sich mit den Themen Vernunft und Offenbarung beschĂ€ftigte. Ein weiterer Schwerpunkt war die Rolle der Phantasie in Kunst und Poesie. Hier veröffentlichte er Gedichte und AufsĂ€tze ĂŒber Kirche, Staat und Schule. Parallel dazu entstand sein interdisziplinĂ€res Werk ĂŒber die Weltgeschichte.
Am 12. August 1818 heiratete er nach siebenjĂ€hriger Verlobungszeit Elisabeth (Lise) Blicher. 1821â1822 wurde er Pfarrer in PrĂŠstĂž. Hier wurde sein erster Sohn Johan geboren, und hier begrub er seine Mutter. Danach war er bis 1826 Vikar der Erlöserkirche (Kopenhagen). In dieser Zeit entstand mit Nyaars-Morgen (Neujahrs-Morgen) Grundtvigs gröĂtes einzelstehendes poetisches Werk.
1826 bezichtigte er in einer theologischen Streitschrift den anerkannten Theologieprofessor Henrik Clausen der Ketzerei, stand vor Gericht und wurde unter lebenslange Zensur gestellt, die allerdings 1837 wieder aufgehoben wurde.
1829, 1830 und 1831 reiste Grundtvig nach England, wohin er 1843 noch einmal fuhr. Er interessierte sich fĂŒr alte angelsĂ€chsische Handschriften. Die Englandreisen beeinflussten darĂŒber hinaus sowohl sein weiteres kirchliches Denken, als auch seine pĂ€dagogischen Ideen. England erweckte in ihm den fortan unauslöschlichen Drang nach Freiheit. Das Jahr 1832 markierte einen weiteren entscheidenden Wendepunkt in Grundtvigs Biografie: Er wandte sich als Theologe der AufklĂ€rung zu.
1844 eröffnete er die erste Volkshochschule der Welt. Im selben Jahr durchlebte er eine erneute mentale Krise und musste aufgrund seiner Depressionen eine Schaffenspause einlegen.
Nach der MĂ€rzrevolution 1848 in DĂ€nemark begann der parteilose Grundtvig seine politische Laufbahn. Er galt als Ă€uĂerst liberal, setzte sich fĂŒr Religions- und Schulfreiheit ein, und gehörte zu den wenigen MĂ€nnern seiner Zeit, die die beginnende Frauenbewegung unterstĂŒtzten.
Im Januar 1851 starb seine Frau Lise. Neun Monate spĂ€ter heiratete er am 25. Oktober die groĂe Liebe seines Lebens, Marie Toft. Jedoch verstarb sie bereits drei Jahre nach der Hochzeit. Grundtvigs Liebeslied Hvad er det, min Marie (Was ist das, meine Marie?) gehört zum dĂ€nischen Liedgut.
Am 14. April 1858 heiratete er Asta Reedz. In der Ăffentlichkeit wurde dies teilweise als anstöĂig empfunden, denn Grundtvig war damals schon 75 Jahre alt. Die Ehe wird aber als glĂŒcklich beschrieben. 1861 wurde Grundtvig vom dĂ€nischen König der Titel des Bischofs von Seeland verliehen. Er war damit das nominelle Kirchenoberhaupt in DĂ€nemark.
1863â1872 etablierte sich der Brauch der Freundestreffen um Grundtvig, nachdem er seinen 80. Geburtstag feierte. JĂ€hrlich trafen bei ihm Freunde und Bewunderer ein. Sein Biograf Alchin spricht von einem einsetzenden Personenkult in seinen letzten Lebensjahren. 1867 erlebte Grundtvig eine erneute mentale Krise. Diese manische Periode spitzte sich am Palmsonntag zu, als er eine stark prophetisch gefĂ€rbte Predigt hielt. Er sprach vom nahenden Erscheinen Gottes auf Erden. Viele glaubten, das sei nun sein Ende, aber er erholte sich und blieb rĂŒstig.
Am 2. September 1872 starb N.F.S. Grundtvig im Alter von fast 89 Jahren. Tausende Freunde begleiteten seinen Sarg auf dem letzten der legendÀren Freundestreffen, anstelle seinen 89. Geburtstag zu feiern, der 6 Tage nach seinem Tod gewesen wÀre.
Bearbeiten Der Theologe
N.F.S Grundtvig gilt als der markanteste Theologe in DĂ€nemark. BerĂŒhmt sind seine Psalmen (dĂ€nisch.: salme), von denen er ungefĂ€hr 1.500 verfasste. Weltanschaulich wandelte er sich vom Fundamentalisten zum Reformer. Er vertrat dann die Auffassung: Menneske fĂžrst â kristen sĂ„ = Erst Mensch â dann Christ. Das dĂ€nische Internetprojekt Grundtvig pĂ„ Nettet (deutsch: Grundtvig im Netz) hat sich zur Aufgabe gemacht, seine 600 ĂŒberlieferten Predigten, die in Manuskripten erhalten sind, zu entziffern und dann (meist erstmals) zu veröffentlichen.
Als Kritiker und Gegner von Grundtvigs theologischer Anschauung gelten dabei vor allem der von Schleiermachers Vermittlungstheologie beeinflusste Rationalist Henrik Nicolai Clausen (1793-1877), der religiöse Schriftsteller Sören Kierkegaard (1813-1855) sowie der islĂ€ndische Theologe und religiöse Schriftsteller MagnĂșs EirĂksson (1806-1881).
Bearbeiten Theologische Laufbahn
Grundtvig, der Pastorensohn, wurde als Jugendlicher 1800 auf die Kathedralenschule in Ă rhus geschickt, und studierte ab 1803 Theologie in Kopenhagen. Nach seiner Probepredigt mit dem Titel Warum ist das Wort des Herrn aus seinem Hause verschwunden? gegen viele seiner Predigerkollegen 1810 ereilte ihn ein mentaler Schock: Ihm erschien nach eigenen Angaben im Gasthof Vindbyholt kro der Teufel. Grundtvig soll danach so laut gebetet haben, dass er alle anderen GĂ€ste aufweckte. Danach verfasste er seinen ersten Psalm Dejlig er den himmel blĂ„ â Schön ist des Himmels Blau. Er beschloss die Erneuerung des Luthertums gegen den in dieser Zeit dominierenden Rationalismus.
1811 bis 1813 war Grundtvig Kaplan in seinem Heimatort und unterstĂŒtzte seinen Vater in der Kirche. Nach dessen Tod war er vom Februar 1821 bis November 1822 Priester in PrĂŠstĂž auf Seeland. Es ist ĂŒberliefert, dass dort die âChemie stimmteâ.
1822 bis 1826 war er Priester an der Erlöserkirche (Kopenhagen) [5]. Dies wird als eine fĂŒr Grundtvig schwierige Zeit geschildert. Gleichwohl entwickelte er seinen kirchlichen Standpunkt weiter. Er legte groĂen Wert auf das Glaubensbekenntnis, die Sakramente und die altkirchliche Tradition, also das Dogma. Die Erlöserkirche trĂ€gt heute neben dem Beinamen Königskirche auch den Beinamen Grundtvigskirche.
In seinem Pamphlet Kirkens GenmĂ„le (Erwiderung der Kirche) reagierte er 1826 auf das Buch des rationalistischen Theologen Henrik Clausen Verfassung, Lehre und Ritus des Katholizismus und Protestantismus (1825). Von Clausen wegen Beleidigung angezeigt verzichtete Grundtvig 1826 auf sein Pfarramt. Zudem wurde er am 30. Oktober zu einer Geldstrafe verurteilt und unter lebenslange Zensur gestellt. Diese wurde 1837 aufgehoben. Voller GlĂŒck hierĂŒber verfasste er Moders navn er en himmelsk lyd â "Mutters Name ist ein himmlischer Laut".
Bereits 1832 erhielt er von der Regierung die Erlaubnis, in der Kopenhagener Christianskirche zu predigen. Seine AnhĂ€ngerschaft wuchs. Dieses Jahr markierte seine Hinwendung zur AufklĂ€rung. Sein Grundproblem war nach Auffassung seines Biografen Kaj Thaning (1963) die Frage nach dem VerhĂ€ltnis zwischen dem Christenleben und dem Menschenleben. Dies manifestierte sich fortan in Grundtvigs Grundsatz: Menneske fĂžrst og kristen sĂ„ â Zuerst Mensch und dann Christ. Er interessierte sich immer mehr fĂŒr den Humanismus. Thanning beschreibt 1832 als den wichtigsten Wendepunkt in Grundtvigs Leben. Anders als andere Biographen, die 1810 (mentale Krise) und 1825 (Auseinandersetzung mit Professor Clausen) nennen.
1837 erschien sein Sang-VĂŠrk til den danske Kirke, sein Liederbuch fĂŒr die dĂ€nische Kirche. Es umfasst 400 der insgesamt 1.500 Grundtvig-Psalmen. Sang-VĂŠrk (Liedwerk) bedeutete bis dahin in der dĂ€nischen Sprache eigentlich Glockenspiel, wie man es in KirchtĂŒrmen findet.
Am 9. Juni 1839 bekam er das Pfarramt am Kopenhagener Vartovhospital. Er galt nach dem Eklat von 1826 wieder als rehabilitiert. Zu seiner groĂen Gemeinde dort zĂ€hlte unter anderem Königin Caroline Amalie. Seine Psalmensammlung Festsalmer wurde das Gesangbuch der Gemeinde. Von hier nahm der Grundtvigianismus seinen Ausgang und verĂ€nderte das gesamte geistliche Leben DĂ€nemarks. Heute befindet sich hier die Grundtvig Bibliothek.
1860 erschien das lange Gedicht Christenhedens Syvstjerne, das Siebengestirn der Christenheit, in Anlehnung an die sieben Gemeinden in der Offenbarung des Johannes. In dem Gedicht kommen sechs groĂe Kirchen vor: die jĂŒdische (die Christen aus dem Judentum), die griechische, die römische, die englische, die deutsche und die nordische. Welches die siebte sein soll, blieb sein Geheimnis.
1861, 50 Jahre nach seiner Ordination, wurde N.F.S. Grundtvig vom König zum Bischof ernannt. Als Bischof von Seeland war er nominell Primas der dÀnischen Kirche. Bis zu seinem Tode 1872 predigt er jeden Sonntag in Vartov.
Bearbeiten Der Nationaldichter
Nach dem Tod des Vaters 1813 und seinem Gang nach Kopenhagen, lieĂ sich N.F.S. Grundtvig dort in der LĂžngangsstrĂŠde nieder. Dieser Ort bezeichnet seine schriftstellerische Phase bis 1821. Nachdem man ihm seinen Wunsch, eine eigene Pfarrei zu bekommen, ausgeschlagen hat, schlug er eine Dichterlaufbahn ein.
Bearbeiten Bruch mit der Romantik
Er spezialisierte sich in (Ălterer) Skandinavistik und Anglistik. Gleichzeitig brach er mit der damals vorherrschenden Stilrichtung der Romantik. Er selbst nannte diese Zeit rĂŒckblickend seine BĂŒcherwurmzeit. In seiner Zeitschrift Danne-Virke 1816â1819 erschienen zahlreiche Gedichte, neben philosophischen und theologischen Essays.
1818â1822 ĂŒbersetzte und veröffentlichte Grundtvig Saxo og Snorre, 1820 Beowulf.
1824 erschien sein gröĂtes poetisches Einzelwerk, Nyaars-Morgen (Neujahrs-Morgen). Es handelt sich um ein groĂes autobiografisches, prophetisches Gedicht, das in 10 Liedern seine persönliche Entwicklung und seine groĂe Hoffnung in die Zukunft Skandinaviens ausdrĂŒckt. Die Bildersprache des Werkes lehnt sich an die Jahres- und Tageszeiten an, dem Gegensatz zwischen Licht und Dunkelheit, WĂ€rme und KĂ€lte, Leben und Tod. Nyaars Morgen erfreut sich bis heute ungebrochener PopularitĂ€t in DĂ€nemark.
Sein Interesse fĂŒr die alte angelsĂ€chsische Sprache und Literatur fĂŒhrte ihn 1829, 1830, 1831 und 1843 nach England. König Frederik VI. setzte sich persönlich dafĂŒr ein, dass er die nötigen finanziellen Mittel hierfĂŒr erhielt. England erweckte Grundtvigs groĂes Streben nach Freiheit, das fĂŒr seine weitere Entwicklung prĂ€gend wurde.
Sein unabhÀngiger Geist manifestierte sich 1832 in seiner Mythologie des Nordens (bereits 1808 erschien ein Àhnlich benanntes Werk von ihm, damals noch national-romantisch geprÀgt).
Grundtvigs BemĂŒhungen um die nordische Philologie fĂŒhrten auch zu einer engen Freundschaft mit dem fĂ€röischen Linguisten V. U. Hammershaimb, der die neufĂ€röische Schriftsprache entwickelte. Grundtvigs Einfluss wird hier als prĂ€gend angesehen. Er stand bis zu seinem Tod 1883 mit Hammershaimb in stĂ€ndigem Briefkontakt. Grundtvigs Sohn Svend Grundtvig fĂŒhrte das Werk seines Vaters fort und wurde bedeutender Herausgeber der fĂ€röischen Balladen.
Bearbeiten Der Historiker
1812, 1814 und 1817 erschien N.F.S. Grundtvigs Udsigt over Verdens-KrÞniken, seine Weltgeschichte, wo er seine drei Schwerpunktgebiete Geschichtswissenschaft, Dichtkunst und Theologie in einem umfangreichen Werk zusammenfasst und dort die ZusammenhÀnge der drei Disziplinen untereinander beschreibt.
1832 erschien das monumentale Werk Mythologie des Nordens, der volle dĂ€nische Titel lautet: Nordens Mythologi eller Sindbilled-Sprog â Historisk-Poetisk udviklet og oplyst af N. F. S. Grundtvig. Er schuf eine Kombination von Poesie und Geschichtswissenschaft.
1838 machte Grundtvig durch seine historischen VortrĂ€ge von sich reden. Hierbei handelte es sich um eine Vorlesungsreihe ĂŒber die Geschichte Europas. Hier begrĂŒndete er seine Gewohnheit, einen Vortrag mit dem Singen eines seiner Psalmen zu beginnen: Seine Zuhörer stimmten selbst spontan den Psalm Kommer hid, I piger smaa, "Kommet her, ihr kleinen MĂ€dchen", an. Diese Tradition wird bis heute an den dĂ€nischen Volkshochschulen gepflegt.
Bearbeiten Der VolkspÀdagoge
International bekannt sind die von Grundtvig begrĂŒndeten Schulen: nichtstaatliche Volkshochschulen in DĂ€nemark, die so genannten folkehĂžjskoler. 1844 eröffnete die erste Volkshochschule der Welt: RĂždding hĂžjskole in SĂŒdjĂŒtland. 1851 folgt die Ryslinge HĂžjskole auf der Insel FĂŒnen, 1856 die Marielyst hĂžjskole in HillerĂžd (heute Grundtvigs HĂžjskole [6]) und 1865 die Askov HĂžjskole in Vejen.
Grundtvigs Grundidee war die Schaffung einer Alternative zum staatlichen Erziehungssystem. 1849 und 1855 erkÀmpfte er in DÀnemark die Schulfreiheit.
Sein pĂ€dagogisches Konzept war das lebendige Wort zwischen Lehrer und SchĂŒler. In Grundtvig-Schulen gibt es keine Noten. Nicht die Lehrer dozieren einen Stoff, sondern sie lernen selbst durch die Fragen der SchĂŒler. All das unter dem Gesichtspunkt der AufklĂ€rung. Grundtvig wollte die Schule des Lebens, lebenslanges Lernen fĂŒr alle Beteiligten. Die Theorie der Grundtvig-Schule ist in keinem kompakten Kanon niedergeschrieben. Vielmehr wird sie in erster Linie mĂŒndlich und vor allem durch die Praxis ĂŒberliefert.
Heute ist Grundtvig der Namensgeber eines gleichnamigen EU-Programms, das sich unter dem Sokrates-Programm die Idee des Life-Long-Learning auf die Fahnen geschrieben hat. Die Grundtvig-Programme bemĂŒhen sich um die Entstehung europĂ€ischer Zusammenarbeit auf dem Gebiet der Erwachsenenbildung.
Bearbeiten Der Politiker
Im 19. Jahrhundert war N.F.S. Grundtvig ein wichtiger dĂ€nischer Politiker. ZunĂ€chst ein ĂŒberzeugter Monarchist und gegen den Liberalismus der deutschfreundlichen dĂ€nischen Bourgeoisie eingestellt, nahm er dennoch an der bĂŒrgerlichen Revolution von 1848 teil. Er wurde Mitglied der dĂ€nischen Nationalversammlung, die die erste Verfassung des Königreichs verabschiedete und so die konstitutionelle Monarchie einfĂŒhrte.
Er setzte sich als Parteiloser ebenso fĂŒr Religionsfreiheit und Schulfreiheit ein, wie auch fĂŒr die aufkeimende Frauenbewegung. Sein Freiheitsdrang manifestierte sich in einer Ă€uĂerst liberalen Gesinnung.
Von 1850â1858 war er Abgeordneter im dĂ€nischen Reichstag. 1866, nach dem Debakel der DĂŒppeler Schanzen, erfuhr er als 83-JĂ€hriger ein spĂ€tes Comeback und profilierte sich als FĂŒhrer der linken Opposition.
Bearbeiten Der Philosoph
N.F.S Grundtvig war vom Gedanken der VolksaufklĂ€rung beseelt. Er vertrat eine emanzipatorische Sicht, die sich nach dem nationalen Trauma von 1864 (Deutsch-DĂ€nischer Krieg) in einer nationalen Position wiederfand, die man mit den Worten umschreiben kann: Was auĂerhalb verloren wurde, muss innerhalb wiedererlangt werden. Er verstand die nationale Krise DĂ€nemarks als Chance zur nationalen IdentitĂ€tsfindung.
Bearbeiten Volkliches Denken
Grundtvig hielt das dĂ€nische Volk fĂŒr das auserwĂ€hlte Volk und fĂŒhrte die Entstehung des dĂ€nischen Volkes auf die alttestamentlichen StĂ€mme zurĂŒck. Dabei bedient er sich einer gotizistisch-nordistischen Interpretatinstradition. Selbst nennt er seine Methodik eine historische Wissenschaft, die Vidskab. Mit ihr werden die Welt-, Heils- und eigener Lebensgeschichte miteinander gedeutet und parallelisiert. Statt Empirie setzte Grundtvig "eine Ă€sthetische Wahrnehmungslehre" [1] und legitimierte seine Erkenntnisse mittels mythischer Traditionen. Nach Inga Meincke sieht sich Grundtvig dabei in der "ungebrochener Tradition zu den seherischen Skalden der Edda..., billige sich die erforderliche FĂ€higkeit zur nordisch-historischen Anschauung auf exklusive Weise zu. Indem er Gott als seinen Wahrheitszeugen benenne, entwickele er eine Legitimationsstrategie, in der das eigene Leben zu dem Gegenstand werde, an dem Grundtvig seine historisch-poetische Wissenschaft bevorzugt praktiziere. Nichtsdestoweniger fĂŒhle Grundtvig sich in seinen autobiographischen Schriften nicht zur Exaktheit verpflichtet, erst durch die Bearbeitung enthĂŒlle sich der zeichenhafte Charakter seines Lebens."[2] (Alexandra BĂ€nsch)
Dem Zeitalter der AufklĂ€rung setzte Grundtvig sein Konzept der Volklichkeit (Folkelighed) entgegen. Die Französische Revolution begriff er als eine Krise des Christentums. Dagegen benötige das DĂ€nentum keine Politik, der Absolutismus sei die geeignete Regierungsform. AufklĂ€rung sei hingegen durch die historisch-poetische Wissenschaft zu gewinnen, als dessen Prophet sich Grundtvig darstellte. Grundtvig Vorstellungen von einer Weltgeschichte und einem Weltgericht war durch das Bild der Krise bestimmt. Diese Krise stehe zwischen dem Vergangenen Goldenem Zeitalter (Guldalder) und das heraufkommende Gylden-Aar (GĂŒldenjahr). Um die Krise zu ĂŒberwinden, mĂŒsse das dĂ€nische Volk "seine Folkelighed [= Volklichkeit] unter Beweis stellen, wofĂŒr Grundtvig das Konzept der Herkunftsgemeinschaft um das der Ăberzeugungsgemeinschaft ergĂ€nze. Als DĂ€ne sei der Mensch zwar schon durch seine Abstammung nobilitiert, im Geiste könne der einzelne der dĂ€nischen Nation aber nur durch ein Bekenntnis angehören."[3]
Bearbeiten Rechtsextremistische Rezeption
Grundtvigs Konzept der Volklichkeit wird von rechtsextremistischen Theoretikern, insbesondere von der Neuen Rechten aufgenommen und mit AusprĂ€gungen völkischen Denkens verbunden. In Deutschland wurde besonders von der nationalrevolutionĂ€ren Zeitschrift Wir selbst, Zeitschrift fĂŒr nationale IdentitĂ€t, und Volkslust [4] versucht, Vokabular und Ideologeme Grundtvigs aufzunehmen, um an völkische Ideologien anzuschlieĂen und sie "salonfĂ€hig" zu machen.
Bearbeiten Siehe auch
Bearbeiten Einzelnachweise
- â Alexandra BĂ€nsch, Rezension zu Inga Meincke: Vox viva. [1]
- â Zitat: Alexandra BĂ€nsch, Rezension zu Inga Meincke: Vox viva. Die "wahre AufklĂ€rung" des DĂ€nen Nikolaj Frederik Severin Grundtvig. (Skandinavistische Arbeiten, Band 17) Heidelberg: UniversitĂ€tsverlag C. Winter 2000. [2]
- â Zitat: Alexandra BĂ€nsch, Rezension zu Inga Meincke: Vox viva. Die "wahre AufklĂ€rung" des DĂ€nen Nikolaj Frederik Severin Grundtvig. (Skandinavistische Arbeiten, Band 17) Heidelberg: UniversitĂ€tsverlag C. Winter 2000. [3].
- â Clemens Heni: Deutsche Lust. In: Klick nach rechts [4]
Bearbeiten Herausgeberschaft
- Johannes Knudsen: Selected Writings. Fortress, Philadelphia 1976. ISBN 0-8006-1238-8
- What Constitutes Authentic Christianity? Fortress, Philadelphia 1985, ISBN 0-8006-1844-0
- Max Lawson: Selected educational writings. The International People's College, Helsingör 1991. ISBN 87-88735-08-7
- Niels Lyhne Jensen: A Grundtvig Anthology. Selections from the Writings. James Clarke & Co., Cambridge 2000, ISBN 0-227-67885-0
Bearbeiten Literatur
- Poul Dam: Nikolaj Frederik Severin Grundtvig (1783â1872) â The preacher and revivalist. Königlich DĂ€nisches AuĂenministerium, Kopenhagen 1983 (auch auf deutsch, französisch und spanisch). ISBN 87-87646-08-0
- Christian Thodberg, Anders Pontoppidan Thyssen (Hrsg.): N.F.S. Grundtvig â Tradition and Renewal. Grundtvig's Vision of Man an People, Education and Church, in Relation to World Issues Today. Det Danske Selskab, Kopenhagen 1983. ISBN 87-7429-045-2
- Paul Röhrig (Hrsg.): Um des Menschen willen. Grundtvigs geistiges Erbe als Herausforderung fĂŒr Erwachsenenbildung, Schule, Kirche und soziales Leben. Deutscher Studien-Verlag, Weinheim 1991. ISBN 3-89271-252-2
- Arthur Macdonald Allchin: N.F.S. Grundtvig. An Introduction to his Life and Work. Ă rhus University Press, Ă rhus 1997, ISBN 87-7288-656-0
- Inga Meincke: Vox viva â Die "wahre AufklĂ€rung" des DĂ€nen Nikolaj Frederik Severin Grundtvig. Heidelberg 2000, ISBN 3-8253-1045-0 (UniversitĂ€t MĂŒnchen ISAL. Rezension von Alexandra BĂ€nsch [7])
- Bernd Henningsen: Die Politik des Einzelnen. Studien zur Genese der skandinavischen Ziviltheologie: Ludvig Holberg, Sören Kierkegaard, N.F.S. Grundtvig. Göttingen 1977.
Bearbeiten Weblinks
- Literatur von und ĂŒber Nikolai Frederik Severin Grundtvig im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek
- Nikolai Frederik Severin Grundtvig. In: Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon (BBKL).
- nfs-grundvik.dk: Biografie (dÀnisch)
- Die beliebtesten Psalmen von Grundtvig (dÀnisch)
- Grundtvig pĂ„ Nettet: BerĂŒhmte Predigten Grundtvigs (dĂ€nisch)
- EU-Aktion GRUNDTVIG
- NFS-Grundtvig.dk â das dĂ€nische Grundtvig-Portal (dĂ€nisch)
- Grundtvigakademiet.dk â Grundtvig-Akademie (dĂ€nisch)
- Vartov.dk â Kirchliche Grundtvig-Gesellschaft (dĂ€nisch)
- ADL.dk â sehr umfassende Bibliographie (dĂ€nisch)
Grundtvigs HĂžjskole, HillerĂžd
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Grundtvig, Nikolai Frederik Severin |
| ALTERNATIVNAMEN | N.F.S. Grundtvig |
| KURZBESCHREIBUNG | dÀnischer interdisziplinÀrer Philologe, Theologe und Patriot |
| GEBURTSDATUM | 8. September 1783 |
| GEBURTSORT | Udby (Seeland) |
| STERBEDATUM | 2. September 1872 |
| STERBEORT | Kopenhagen |
